Fukushima: Eine anhaltende Atomkatastrophe

[08.03.18] Vor sieben Jahren, am 11.März 2011, havarierte das Atomkraftwerk Fukushima. Für Deutschland der Trigger, der, nach den Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Harrisburg und 40 Jahren Auseinandersetzung, das Ende der nationalen Atomstromnutzung besiegelte. Aber vorbei ist „Fukushima“ noch lange nicht.

In Japan sind aktuell drei Reaktoren am Netz, vor März 2011 waren es 54. Liefen letztes Jahr noch fünf, hat das Gericht in Hiroshima im November 2017 einen Reaktor aufgrund von Sicherheitsbedenken wieder abschalten lassen, ein weiteres ging im Februar 2018 vom Netz. Die Lage im AKW Fukushima ist weiter desaströs. Wie der japanische Fernsehsender NHK berichtete, hat die Betreiberfirma TEPCO eine Strahlung von acht Sievert pro Stunde unter dem Kern von Reaktor 2 gemessen. Laut Experten ein Level, dass einen Menschen in einer Stunde töte, so NHK.

Atompolitikexperte Mycle Schneider präsentiert den „World Nuclear Industry Status Report 2017“ in der Heinrich-Böll Stiftung BerlinDekontamination und Arbeiten in Fukushima verzögerten sich weiter, das geht aus dem aktuellen World Nuclear Industrie Status Report hervor, den Herausgeber Mycle Schneider bei einer Pressekonferenz im November 2017 in Berlin vorstellte. Die offiziellen Kosten der Katastrophe betrügen aktuell 200 Milliarden US Dollar, eine neue unabhängige Schätzung spreche sogar von 444 – 630 Milliarden US Dollar. Pro Monat seien etwa 8.000 Arbeiter involviert und es hätte mehrere fatale Unfälle vor Ort gegeben. Große Mengen an kontaminiertem Wasser, Boden und Abfall lagern mittlerweile vor Ort. Die japanische Regierung habe begonnen die Evakuierungsanordnung aufzuheben. Der Grund: Geld. Man wolle die explodierenden Kompensationskosten begrenzen, die für evakuierte Anwohner anfallen.

Bodenstichprobe in Namie ©Christian Åslund / GreenpeaceAllerdings warnt die Umweltorganisation Greenpeace vor der Rückkehr in die Region aufgrund teils anhaltender hoher Strahlenbelastung. Die Messungen in den Gebieten Namie und Iitate zeigten, so der Bericht „Reflections in Fukushima“ vom März 2018, dass die Strahlung mehrere Jahrzehnte deutlich über dem international empfohlenen Höchstwert von einem Millisievert (mSv) pro Jahr liegen werde. Außerdem sei die Dekontamination der weitläufig bewaldeten Bergregionen nicht möglich. Aber, so der Bericht: „In einem klaren Eingeständnis des Scheiterns seines Dekontaminationsprogramms, hat die japanische Regierung kürzlich mit der Überarbeitung des langfristigen Dekontaminationsziels von 0,23 µSv/h begonnen.“ Atommüll in der Präfektur Fukushima ©Christian Åslund / GreenpeaceGreenpeace berichtete im Dezember 2017 außerdem von 141.000 atomaren Lagern in der Region Fukushima, was schlicht schwarze Plastiksäcke mit radioaktiv verseuchter Erde seien „irgendwo im Wald, am Straßenrand, neben dem Haus, in der Wiese.“

Und die internationale Ärzteorganisation IPPNW berichtet, dass die Fälle von Schilddrüsenkrebs sieben Jahre nach der Atomkatastrophe stetig zunehmen würden und kritisiert die aktuellen Bestrebungen in Japan, die Schilddrüsenuntersuchungen zu reduzieren und gegebenenfalls ganz einzustellen.

Die japanische Tageszeitung Asahi Shimbun hat im Februar eine Umfrage durchgeführt in der Präfektur Fukushima. Auf die Frage, ob sich die Anwohner sorgen würden wegen des Einflusses radioaktiver Substanzen auf sich und ihre Familien, antworteten 66 Prozent der Befragten mit „sehr“ (21%) oder „einigermaßen“ (45%). 75 Prozent der Befragten erklärten, sie seien gegen eine Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken, 11 Prozent dafür. Auf die gleiche Frage antworteten landesweit 61 Prozent sie seien dagegen, 27 Prozent dafür.

Die japanische Regierung unter Shinzo Abe hat aber mehrfach deutlich gemacht, dass sie weiterhin an Atomstrom festhalten wolle. TEPCO selbst plane das AKW Fukushima zur Besucherattraktion zu machen, wie der Deutschlandfunk berichtete, damit Menschen vorurteilsfrei die Situation sehen könnten. Und wie das Olympische Komitee bestätigte, werden bei den Olympischen Spielen 2020 in Japan, Baseball und Softball Turniere in der Präfektur ausgetragen werden. Das solle die Bemühungen um eine Erholung in der gesamten Region Tohoku unterstützen, die stark vom Erdbeben 2011 betroffen wurde.

Die Reaktorkatastrophe in Fukushima - was auf Deutsch Glücksinsel bedeutet - geht weiter. Um daran und an die Gefahren der Atomkraftnutzung zu erinnern, sind wieder verschiedene Aktionen geplant. In Deutschland gibt es Andachten, Mahnwachen, die jährliche deutsch-japanische Kazaguruma Demo am 10.03. in Berlin und am 11.03. eine Demonstration am AKW Neckarwestheim.

Foto vom Fukushima Jahrestag 2014 in TokioIn Japan veranstaltet die Metropolitan Coalition Against Nukes am 11.03. eine Demonstration vor dem Haupttor des Parlamentsgebäudes in Tokio, bei der prominente Persönlichkeiten und Politiker reden sollen. Am gleichen Tag ist eine Mahnwache von No Nukes Plaza Tanpoposha und Labornet Japan vor der Tepco-Hauptzentrale in Tokio geplant mit Betroffenen und dem Schauspieler Taro Yamamoto. Und am 21.03. gibt es eine Kundgebung von Sayonara Nukes im Yoyogi Park in Tokio, ebenfalls mit prominenten Rednern und Ansprachen von Betroffenen, Evakuierten und AKW-Arbeitern, gefolgt von einem Demonstrationszug.